Mittwoch, 20. März 2013

Offener Brief zur Petition "Ehrfurcht vor Gott"


Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Horst Seehofer,
Sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin Barbara Stamm,
Sehr geehrter Herr Landtagsvizepräsident Reinhold Bocklet,
Sehr geehrter Herr Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle,
Sehr geehrter Herr Fraktionsvorsitzender Georg Schmid,
Sehr geehrter Herr Fraktionsvorsitzender Markus Rinderspacher,
Sehr geehrter Herr Fraktionsvorsitzender Hubert Aiwanger,
Sehr geehrte Frau Fraktionsvorsitzende Margarete Bause,

die Giordano Bruno Stiftung – Regionalgruppe Mittelfranken hat vor Kurzem eine Petition bezüglich des Bildungsziels „Ehrfurcht vor Gott“ bei change.org eingereicht. Wir möchten Sie mit diesem Schreiben auf unseren bisherigen Erfolg hinweisen und wünschen, einen konstruktiven Prozess in Gang zu setzen. Es geht im Kern um den Artikel 131, Absatz 2 der bayerischen Verfassung, der als oberste Bildungsziele staatlicher Schulen die „Ehrfurcht vor Gott“ und die „Achtung vor religiöser Überzeugung“ nennt.

Wir meinen, das Bildungsziel „Ehrfurcht vor Gott“ verletzt die weltanschauliche Neutralität des Staates und diskriminiert mindestens 20% der bayerischen Bevölkerung, die aktuell keiner Konfession angehören und nicht an die Existenz eines Gottes glauben.

„Achtung vor religiöser Überzeugung“ ist zudem sicher ein sinnvoller Wert für das Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft. Jedoch gebührt religiösen Überzeugungen keine Sonderstellung innerhalb der Gesamtheit aller weltanschaulichen Überzeugungen. Deutlich wird dies bei religiösen Glaubenssätzen, die zur Verachtung und Ausgrenzung von Homosexuellen, Andersgläubigen und anderen Gruppen aufrufen. Diese Überzeugungen verdienen also nicht unsere Achtung, sondern sollten die Zivilgesellschaft zu Widerstand herausfordern. Diesen Wert unkritisch als zentrales Bildungsziel zu benennen ist daher sicher nicht mehr zeitgemäß.

Säkulare und humanistische Personen und Gruppierungen sowie alle Unterzeichner dieser Petition sind also überzeugt, dass der vorliegende Artikel in der jetzigen Form nicht dem Idealbild eines weltanschaulich neutralen, säkularen Staates und Bildungssystems entspricht und Werte einfordert, die von einem Großteil der bayerischen Bevölkerung nicht mehr geteilt werden. Mit unserer Petition auf www.change.org, die am 20. Februar diesen Jahres veröffentlicht wurde, konnten wir, die Mitglieder der Giordano Bruno Stiftung Mittelfranken, bereits über 1500 Unterstützer für unsere Forderung nach weltanschaulich neutralen und unstrittigen Bildungszielen finden. In unserem Namen und im Namen unserer Unterstützer fordern wir Sie daher auf, den Artikel 131, Absatz 2 neu zu bewerten und auf eine ersatzlose Streichung der Bildungsziele „Ehrfurcht vor Gott" und „Achtung vor religiöser Überzeugung" im genannten Artikel der bayerischen Verfassung hinzuwirken.

Der neue Artikel 131, Absatz 2 soll daher wie folgt lauten:
„Oberste Bildungsziele sind die Achtung der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft und Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt.“
Schließlich möchten wir darauf hinweisen, dass unsere Initiative erst am Anfang steht und wir aktuell weiter Unterschriften und Unterstützer gewinnen. Wir werden Sie über die weiteren Entwicklungen in Kenntnis setzen.

Wir hoffen und freuen uns auf einen konstruktiven Dialog mit den politisch Verantwortlichen und stehen Ihnen für Ihre Fragen und zu einer Diskussion jederzeit zur Verfügung.

Beste Grüße,
Stefan Dietrich
Giordano Bruno Stiftung - Mittelfranken

1 Kommentar:

  1. Ich als Unterstützer dieser Petition freue mich über diesen Artikel und deren Veröffentlichung.

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Giordano Bruno Stiftung - Regionalgruppe Mittelfranken

Die Giordano Bruno Stiftung sammelt neuste Erkenntnisse der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften, um ihre Bedeutung für das humanistische Anliegen eines „friedlichen und gleichberechtigten Zusammenlebens der Menschen im Diesseits“ herauszuarbeiten. Ziel der Stiftung ist es, die Grundzüge eines naturalistischen Weltbildes sowie einer säkularen, evolutionär-humanistischen Ethik zu entwickeln und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die inhaltlichen Arbeitsfelder der Stiftung sind:
  1. Evolutionärer Humanismus/naturalistisches Weltbild
  2. Religionskritik/Säkularismus
  3. Erkenntnistheorie/Wissenschaftstheorie
  4. Ethik
Diese Themenbereiche sind eng miteinander verknüpft. So führen beispielsweise die neusten Erkenntnisse der Neurowissenschaften nicht nur zu einer Stärkung des naturalistischen Weltbildes (Arbeitsfeld 1), sondern liefern auch Argumente für eine interdisziplinäre, d.h. auch naturwissenschaftlich fundierte Religionskritik (Arbeitsfeld 2). Die Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften und ihre religionskritischen Implikationen müssen allerdings wissenschaftstheoretisch reflektiert (Arbeitsfeld 3) und mögliche Konsequenzen auf dem Gebiet der praktischen Ethik bedacht werden (Arbeitsfeld 4).

Die formalen Aufgabengebiete der Stiftung:
  1. Theoretische Arbeit, die über ein interdisziplinäres Netzwerk von Experten verschiedener Profession fördert und entwickelt.
  2. Vermittlung der gewonnenen Erkenntnisse an die Öffentlichkeit durch Pressemitteilungen, die Giordano Bruno Akademie und Auftritte unserer Mitglieder und Förderer in der Öffentlichkeit
  3. Förderung von Forschungs- und Praxisinitiativen, die den Zielsetzungen der Stiftung entsprechen (Deschner-Preis, Projektförderung und -entwicklung)
Zur inhaltlichen Ausrichtung der Stiftung, lesen Sie bitte auch das im Auftrag der GBS geschriebene "Manifest des Evolutionären Humanismus". siehe www.leitkultur-humanismus.de