Sonntag, 18. November 2012

Keine Macht den Doofen in Erlangen


Keine Macht den Doofen war das Thema einer Lesung von Michael Schmidt-Salomon in Erlangen am 13.11.2012. Harald Stücker berichtet von der ausverkauften und gelungenen Veranstaltung.  

Mit seinem Buch Keine Macht den Doofen (2011, Piper) hat Michael Schmidt-Salomon, wie er sagte, einen „persönlichen Exorzismus“ vollzogen und so etwas wie eine Urschreitherapie in Buchform vorgelegt. Er hat sich darin stilistisch an historischen Vorbildern der Streitschrift, wie z.B. Arthur Schopenhauer, orientiert. Herausgekommen ist eine Generalabrechnung mit dem Homo sapiens demens, dem blöden Menschen. Schmidt-Salomon ereifert sich in seinem Buch über eine „weltumspannende Riesenblödheit“ und sieht in ihr die größte Bedrohung der Menschheit. Diese Dummheit grassiere in allen Bereichen. Ihre Protagonisten: Religioten, Ökonomioten, Ökologioten, Politioten, zeichnen sich alle dadurch aus, dass sie sich zwar für sehr klug halten, vielleicht im Einzelfall sogar klug sind, aber gemeinsam den kollektiven Irrsinn verursachen, den wir überall um uns herum beobachten können. Die Blödheit, die Schmidt-Salomon beklagt, ist die Schwarmblödheit, die unsere Spezies augenscheinlich auszeichnet - und die sie von der Schwarmintelligenz unterscheidet, um die wir andere Spezies beneiden dürfen. Sie ist kollektiv, nicht individuell. Das ist ein wichtiger Punkt, denn er sollte bei Leser oder Zuhörer den Impuls neutralisieren, sich persönlich beleidigt zu fühlen. Es werden wohl nur wenige ernsthaft ableugnen wollen, dass viele der Systeme, die wir tagtäglich bedienen, Ausgeburten eines Irrsinns sind, der einen „alternativlosen“ Systemzwang nach dem anderen erzeugt. Banken sind „too big to fail“ und müssen aus einem Loch gerettet werden, das sie sich selber gegraben haben (und an dem sie mit dem Rettungsgeld auch gleich weiter graben), der Konsum wird zum Selbstzweck, Ressourcen werden so schnellstmöglich in Müll verwandelt, und Politiker versprechen im Wahlkampf, diese und ähnliche Mechanismen so effizient wie möglich managen zu wollen, anstatt sich dafür einzusetzen, sie zu beenden.

Auf die trotz des ernsten Themas kurzweilige und unterhaltsame Lesung folgte eine engagierte und interessante Diskussion mit einem Publikum, das wirklich bei der Sache war und auch nicht mit Kritik geizte, um die Schmidt-Salomon ausdrücklich gebeten hatte. Warum denn gerade er so schlau und so wenig doof sei, und was denn gerade ihn zu diesem Rundumschlag qualifiziere, wollte eine Zuhörerin wissen. Nichts Besonderes, gab er zur Antwort. Er halte sich nicht für intelligenter als andere, sei aber sicher weniger Sachzwängen unterworfen und könne deshalb als das Kind auftreten, das auf den nackten Kaiser zeigt. Und nochmal die Klarstellung: Die Schwarmdoofheit der Menschen sei ein kollektives Phänomen. Sie bedeute nicht, dass alle doof sind, bis auf diejenigen, die auf sie hinweisen. Die Schwarmdoofheit ist ja auch kein Geheimnis, und sie ist nicht strittig. Interessanterweise gab es auch keinen Widerspruch in der Sache. Einwände bezogen sich auf den apodiktischen und von einigen als arrogant wahrgenommenen Stil von Buch und Vortrag. Die harscheste Kritik kam von Heiner Bielefeldt, der beim UN-Menschenrechtsrat als Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit fungiert. Er monierte, dass Schmidt-Salomon eine pauschale Politikerschelte vorgelegt habe, die den Gegner „im Grunde beiseite räume“. Allerdings zeichnen sich die skizzierten systemischen Probleme ja vor allem gerade dadurch aus, dass es keine einfach zu identifizierenden, individuellen Gegner gibt.

Auch die Meinungsfreiheit war Thema. Heiner Bielefeldt stellte die Frage nach ihren Grenzen. Schmidt-Salomon würde sie erst dort ziehen, wo explizit zu Hass und Gewalt aufgerufen wird. So sei er selbst wiederholt von dem aktuell in der Kritik stehenden katholischen Internetportal kreuz.net übel beleidigt worden. Sie hätten ihm sogar - in Anspielung auf sein Motto „Heidenspaß statt Höllenqual“ - die Duisburger Love-Parade-Katastrophe in die Schuhe schieben wollen: „Höllenqual durch Heidenspaß: Was sagt der Lustlümmel jetzt?“ Trotzdem, so betonte Schmidt-Salomon, trete er auch für deren Recht ein, ihn zu beleidigen und z.B. als „Unterhosenprophet“ zu verunglimpfen.

Nach dieser Austreibung der eigenen düsteren Dämonen möchte sich der Autor in seinem nächsten Buch der Lichtseite der Menschheit zuwenden und ausloten, „warum es trotz allem schade um uns wäre“. Wir dürfen gespannt sein.

Harald Stücker

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