Mittwoch, 7. Dezember 2011

Vom Hoerster zum Paulus


Die Piusbrüder, kath.net, das Bistum Regensburg etc. bejubeln dieser Tage den Abfall des bislang religionskritischen Philosophen Norbert Hoerster vom Unglauben, zumindest seinen Austritt aus der Giordano Bruno Stiftung. Sie feiern die Neuauflage der Geschichte der Bekehrung des Saulus zum Paulus, der von den Gründen seiner Bekehrung in der FAZ Zeugnis ablegt. Nein, er bezweifelt nicht die Evolutionstheorie. Er bezweifelt bloß, dass sie den Gottesglauben widerlege. Und nein, er hat nicht den Primat des Papstes in Fragen der Philosophie und Politik anerkannt. Er meint bloß, man müsse Kritik am Papst zunächst philosophisch abwägen und gewissenhaft durchdenken. (Der Papst bedankt sich damit, dass er Atheisten - wie Hoerster - für den Holocaust und so gut wie alle anderen Verbrechen und Übel der Welt verantwortlich macht.)
Norbert Hoerster
Norbert Hoerster hat einige inspirierende Bücher geschrieben. Sein philosophischer Stil ist kurz, prägnant, analytisch. Sein dünner Band Abtreibung im säkularen Staat erschien mir immer schon als das Werk, das den gesamten Problembereich abschließt. Er zeigt darin, dass alle Gründe für ein Abtreibungsverbot entweder explizit oder implizit religiöse Gründe sind. Diese Gründe sind aber für einen säkularen Staat irrelevant.
Wenn der Philosoph zum Marktplatz geht, kann er übers Ohr gehauen werden. Weisheit schützt vor Ganoven nicht. Es ist schön, dass Hoerster seine Argumente glasklar formulieren kann, und es ist auch schön, wenn er andere Argumente kritisiert. Das gehört sich so in philosophischen Debatten. Wenn die Debatte aber nach außen auf den politischen Marktplatz wirkt (und ja, die FAZ ist schon Marktplatz), dann hört sie auf, philosophisch zu sein, dann wird sie politisch.
In der Politik wird selten mit dem Skalpell analysiert, stattdessen öfter mit dem Vorschlaghammer. (Erinnert sich noch jemand an den „Professor aus Heidelberg“?) Und wirklich gute, auch geniale Argumentationen, werden nur danach beurteilt, ob sie im politischen Kampf als Keule taugen. Dem Keulenschwinger ist der Name des genialen Philosophen dabei egal, und auch, ob er die Keule überhaupt schwingen darf. Denn schauen wir, was hier passiert: Argumente von Norbert Hoerster, einem guten - atheistischen - Philosophen, gelangen in die Hände von Leuten, die normalerweise den Hinweis auf eine Bibelstelle für ein echtes, schlagendes Argument halten. Dem Piusbruder sind die Feinheiten der Hoersterschen Gedankengänge ganz egal, er sieht nur, dass sie ein Instrument für einen Schlag gegen seinen politischen Gegner darstellen. Ein aggressiver Schimpanse greift zur Keule, aber wenn stattdessen gerade ein modernes Teleskop herumliegt, kann er auch damit zuschlagen.
Manfred Lütz wirft dem „Neuen Atheismus“ vor, zu seicht zu sein. Oh, sagte ich Lütz? Nein, es ist Hoerster, tatsächlich. Hume habe lang und breit über das Theodizeeproblem sinniert, Dawkins widme diesem Problem gerade mal eine halbe Seite. Aber zunächst: Wenn Hume schon „mit großer Klarheit die kaum lösbaren Herausforderungen [aufgezeigt hat,] denen der Theist durch das […] sogenannte Theodizeeproblem ausgesetzt ist“, warum sollte Dawkins noch mal dasselbe tun? Und zum anderen macht Dawkins auf dieser halben Seite sehr deutlich, dass dieses Problem eines für Theologen und Gläubige an einen guten Gott ist, keines für Atheisten. Das Theodizee-Problem stellt sich nur für Schöpfungen lieber Götter. Warum soll es also - als theoretisches Problem - jemanden kümmern, der nicht davon ausgeht, dass es sich bei der Welt um eine Schöpfung handelt? Unter evolutionstheoretischem Aspekt gibt es kein Theodizee-Problem. Es wirkt etwas unverschämt, Richard Dawkins vorzuwerfen, er kümmere sich nicht ausreichend um theologische Probleme. Religiöse (und jetzt auch Hoerster) können sich wohl nur schwer vorstellen, dass jemand ihre Probleme nicht hat. Es ist keine Neuigkeit, dass Liebe-Gott-Theorien an der Theodizee-Hürde scheitern, aber als Zombie-Mem lässt es sich ja offensichtlich auch sehr zäh und gut überleben.
Die Evolutionstheorie widerlege nicht den Gottesglauben. Mag sein, aber wer behauptet das eigentlich? Dawkins weist lediglich darauf hin, dass die Evolutionstheorie die Gotteshypothese (wieder mal) ein Stück unnötiger gemacht hat. Stimmt das etwa nicht?
Mackie: Wunder des Theismus
Man müsse sich fundierter mit der Religionsphilosophie auseinandersetzen, mahnt Hoerster. Warum? Neben mir liegt gerade ein Büchlein von Norbert Hoerster mit dem Titel Die Frage nach Gott, es umfasst 124 Seiten und behandelt die Frage nach Gott ziemlich umfassend. Wer etwas tiefer in die Materie einsteigen möchte, dem sei noch das Standardwerk von John Leslie Mackie Das Wunder des Theismus empfohlen. Wer die Frage danach immer noch für weiter vertiefenswert hält, der sollte Theologie studieren.
Eben noch habe ich Hoersters Werk Abtreibung im säkularen Staat gelobt, weil es die hereinbrechende Flut theologisch begründeter Abtreibungsverbote mit dem Hinweis auf ihre Irrelevanz für einen säkularen Staat elegant zurückweist. Bricht die Flut jetzt doch über uns herein? Müssen wir uns jetzt doch mit diesen für uns irrelevanten Begründungen auseinandersetzen? Warum?
Die Kritik Hoersters an der Papstkritik der gbs mutet an wie ein theologischer Sophismus:
Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es bekanntlich: "Der Geschlechtsakt darf ausschließlich in der Ehe stattfinden"; und dies ist auch die Position des Papstes. Ich wüsste nicht, zu welchen Abermillionen Todesfolgen der eheliche Geschlechtsverkehr ohne Verhütungsmittel bislang geführt hat.
Hier kommt eben doch wieder die (von den Katholiken und jetzt auch von Hoerster) so verpönte Biologie ins Spiel. Der Mensch ist keine monogame Spezies, er ist eine Primatenart mit einer leicht polygamen Lebensweise. (Wichtigstes Indiz dafür ist die durchschnittliche Hodengröße.) Daran ändern weder "Die Kritik der reinen Vernunft" noch "Tristan und Isolde" etwas.
Die katholische Phantasie bildet die Realität also nicht ab, versteht sich aber als realistische Beschreibung der menschlichen Natur. Das ist Wunschdenken auf niedrigem Niveau, mit katastrophalen Auswirkungen auf hohem Niveau. Die katholische Phantasmagorie steht auf einer Stufe mit dem Lyssenkoismus. Die Verleugnung von Tatsachen verursacht in der Tat den Tod von Abermillionen Menschen.
Desweiteren: "Der Vatikan ist ein Schurkenstaat" bedürfe einer Begründung. (Und nein, Hoerster macht sich nicht über die Bezeichnung „Staat“ für dieses rechtlich bizarre Gebilde lustig, er bestreitet tatsächlich die Legitimität der näheren Bestimmung „Schurke“.) Nun, solche Begründungen liegen inzwischen in Form zahlreicher Anklageschriften vor. Der Vatikan opfert nachweislich die Sicherheit und das Wohlergehen von Kindern dem, was wir bei echten Staaten „Staatsräson“ nennen.

Große Vorbehalte hat Hoerster gegen das „Great Ape Project“ der gbs, das Grundrechte für Menschenaffen fordert. Er schreibt, „Affen und andere Wirbeltiere haben nun einmal nicht das typisch menschliche, in die Zukunft gerichtete Überlebensinteresse.“ Menschen, die sich intensiv mit Menschenaffen beschäftigen, kommen zu ganz anderen Ergebnissen. Aber zumindest würde Hoerster wohl zugeben, dass es sich hier um eine empirische Frage handelt. Für den religiösen Speziesisten, der ihm hier frenetisch applaudiert, ist der Mensch ganz einfach von Gottes Gnaden und ohne jede Empirie etwas Besseres. Interessanterweise argumentiert gerade Hoerster in seinem Buch über die Abtreibung für die „Unhaltbarkeit des Speziesismus“ und begründet diese nicht zuletzt mit der Parallele zum Rassismus. Im Lichte seines nun vorliegenden Artikels frage ich mich, ob sich daran etwas geändert hat.
In seiner Kritik an Michael Schmidt-Salomon polemisiert Hoerster auch gegen dessen Verwendung des Begriffs „nachäffen“. Schmidt-Salomon wendet diesen Begriff allerdings dadurch, dass er ihn auf Menschen bezieht, ironisch und adelt ihn geradezu. Hoerster aber ist darauf bedacht, ihn ganz unironisch in seiner negativen Bedeutung zu belassen. Er müsste es besser wissen. Die Fähigkeit zur Nachahmung ist tatsächlich zentral für die Ausbildung vieler natürlicher und all unserer kulturellen Leistungen.
Eines muss aber auch Hoerster klar sein: Mit der Wiederbelebung des „Great Ape Project“ greift die gbs die naive und arrogante Vorstellung einer Sonderstellung des Menschen im Kosmos an. Es ist von daher das radikalste religionskritische Projekt überhaupt. Verbalattacken gegen den Papst sind dagegen eine Petitesse.
An dieser Stelle steigt Hoerster aus der gbs aus. Auch aus der Religionskritik?
Mag sein, dass der Mensch tatsächlich eine Sonderstellung einnimmt. Aber bislang ist er durch seine überragenden geistigen Fähigkeiten einfach nur der Stärkere. Eine wirklich moralische Überlegenheit kann er erst dann für sich beanspruchen, wenn er die Verantwortung ernst nimmt, die ihm durch seine Machtfülle zukommt. Dazu gehört auch eine philosophisch genaue und klare Analyse der Rechte und Pflichten anderen Spezies gegenüber. Dabei kann Norbert Hoerster helfen. Auch außerhalb der gbs.


Harald Stücker, Evidenz-basierte Ansichten

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