Montag, 5. März 2012
Interview mit Ralf König
Das Interview wurde geführt von Claus Gebert.
Samstag, 28. Januar 2012
März-Stammtisch
Humanistisch Fernsehen
Mittwoch, 4. Januar 2012
Comiclesung mit Ralf König

Mittwoch, 7. Dezember 2011
Vom Hoerster zum Paulus

Die Piusbrüder, kath.net, das Bistum Regensburg etc. bejubeln dieser Tage den Abfall des bislang religionskritischen Philosophen Norbert Hoerster vom Unglauben, zumindest seinen Austritt aus der Giordano Bruno Stiftung. Sie feiern die Neuauflage der Geschichte der Bekehrung des Saulus zum Paulus, der von den Gründen seiner Bekehrung in der FAZ Zeugnis ablegt. Nein, er bezweifelt nicht die Evolutionstheorie. Er bezweifelt bloß, dass sie den Gottesglauben widerlege. Und nein, er hat nicht den Primat des Papstes in Fragen der Philosophie und Politik anerkannt. Er meint bloß, man müsse Kritik am Papst zunächst philosophisch abwägen und gewissenhaft durchdenken. (Der Papst bedankt sich damit, dass er Atheisten - wie Hoerster - für den Holocaust und so gut wie alle anderen Verbrechen und Übel der Welt verantwortlich macht.)

Norbert Hoerster hat einige inspirierende Bücher geschrieben. Sein philosophischer Stil ist kurz, prägnant, analytisch. Sein dünner Band Abtreibung im säkularen Staat erschien mir immer schon als das Werk, das den gesamten Problembereich abschließt. Er zeigt darin, dass alle Gründe für ein Abtreibungsverbot entweder explizit oder implizit religiöse Gründe sind. Diese Gründe sind aber für einen säkularen Staat irrelevant.
Wenn der Philosoph zum Marktplatz geht, kann er übers Ohr gehauen werden. Weisheit schützt vor Ganoven nicht. Es ist schön, dass Hoerster seine Argumente glasklar formulieren kann, und es ist auch schön, wenn er andere Argumente kritisiert. Das gehört sich so in philosophischen Debatten. Wenn die Debatte aber nach außen auf den politischen Marktplatz wirkt (und ja, die FAZ ist schon Marktplatz), dann hört sie auf, philosophisch zu sein, dann wird sie politisch.
In der Politik wird selten mit dem Skalpell analysiert, stattdessen öfter mit dem Vorschlaghammer. (Erinnert sich noch jemand an den „Professor aus Heidelberg“?) Und wirklich gute, auch geniale Argumentationen, werden nur danach beurteilt, ob sie im politischen Kampf als Keule taugen. Dem Keulenschwinger ist der Name des genialen Philosophen dabei egal, und auch, ob er die Keule überhaupt schwingen darf. Denn schauen wir, was hier passiert: Argumente von Norbert Hoerster, einem guten - atheistischen - Philosophen, gelangen in die Hände von Leuten, die normalerweise den Hinweis auf eine Bibelstelle für ein echtes, schlagendes Argument halten. Dem Piusbruder sind die Feinheiten der Hoersterschen Gedankengänge ganz egal, er sieht nur, dass sie ein Instrument für einen Schlag gegen seinen politischen Gegner darstellen. Ein aggressiver Schimpanse greift zur Keule, aber wenn stattdessen gerade ein modernes Teleskop herumliegt, kann er auch damit zuschlagen.
Manfred Lütz wirft dem „Neuen Atheismus“ vor, zu seicht zu sein. Oh, sagte ich Lütz? Nein, es ist Hoerster, tatsächlich. Hume habe lang und breit über das Theodizeeproblem sinniert, Dawkins widme diesem Problem gerade mal eine halbe Seite. Aber zunächst: Wenn Hume schon „mit großer Klarheit die kaum lösbaren Herausforderungen [aufgezeigt hat,] denen der Theist durch das […] sogenannte Theodizeeproblem ausgesetzt ist“, warum sollte Dawkins noch mal dasselbe tun? Und zum anderen macht Dawkins auf dieser halben Seite sehr deutlich, dass dieses Problem eines für Theologen und Gläubige an einen guten Gott ist, keines für Atheisten. Das Theodizee-Problem stellt sich nur für Schöpfungen lieber Götter. Warum soll es also - als theoretisches Problem - jemanden kümmern, der nicht davon ausgeht, dass es sich bei der Welt um eine Schöpfung handelt? Unter evolutionstheoretischem Aspekt gibt es kein Theodizee-Problem. Es wirkt etwas unverschämt, Richard Dawkins vorzuwerfen, er kümmere sich nicht ausreichend um theologische Probleme. Religiöse (und jetzt auch Hoerster) können sich wohl nur schwer vorstellen, dass jemand ihre Probleme nicht hat. Es ist keine Neuigkeit, dass Liebe-Gott-Theorien an der Theodizee-Hürde scheitern, aber als Zombie-Mem lässt es sich ja offensichtlich auch sehr zäh und gut überleben.
Die Evolutionstheorie widerlege nicht den Gottesglauben. Mag sein, aber wer behauptet das eigentlich? Dawkins weist lediglich darauf hin, dass die Evolutionstheorie die Gotteshypothese (wieder mal) ein Stück unnötiger gemacht hat. Stimmt das etwa nicht?

Man müsse sich fundierter mit der Religionsphilosophie auseinandersetzen, mahnt Hoerster. Warum? Neben mir liegt gerade ein Büchlein von Norbert Hoerster mit dem Titel Die Frage nach Gott, es umfasst 124 Seiten und behandelt die Frage nach Gott ziemlich umfassend. Wer etwas tiefer in die Materie einsteigen möchte, dem sei noch das Standardwerk von John Leslie Mackie Das Wunder des Theismus empfohlen. Wer die Frage danach immer noch für weiter vertiefenswert hält, der sollte Theologie studieren.
Eben noch habe ich Hoersters Werk Abtreibung im säkularen Staat gelobt, weil es die hereinbrechende Flut theologisch begründeter Abtreibungsverbote mit dem Hinweis auf ihre Irrelevanz für einen säkularen Staat elegant zurückweist. Bricht die Flut jetzt doch über uns herein? Müssen wir uns jetzt doch mit diesen für uns irrelevanten Begründungen auseinandersetzen? Warum?
Die Kritik Hoersters an der Papstkritik der gbs mutet an wie ein theologischer Sophismus:
Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es bekanntlich: "Der Geschlechtsakt darf ausschließlich in der Ehe stattfinden"; und dies ist auch die Position des Papstes. Ich wüsste nicht, zu welchen Abermillionen Todesfolgen der eheliche Geschlechtsverkehr ohne Verhütungsmittel bislang geführt hat.Hier kommt eben doch wieder die (von den Katholiken und jetzt auch von Hoerster) so verpönte Biologie ins Spiel. Der Mensch ist keine monogame Spezies, er ist eine Primatenart mit einer leicht polygamen Lebensweise. (Wichtigstes Indiz dafür ist die durchschnittliche Hodengröße.) Daran ändern weder "Die Kritik der reinen Vernunft" noch "Tristan und Isolde" etwas.
Die katholische Phantasie bildet die Realität also nicht ab, versteht sich aber als realistische Beschreibung der menschlichen Natur. Das ist Wunschdenken auf niedrigem Niveau, mit katastrophalen Auswirkungen auf hohem Niveau. Die katholische Phantasmagorie steht auf einer Stufe mit dem Lyssenkoismus. Die Verleugnung von Tatsachen verursacht in der Tat den Tod von Abermillionen Menschen.
Desweiteren: "Der Vatikan ist ein Schurkenstaat" bedürfe einer Begründung. (Und nein, Hoerster macht sich nicht über die Bezeichnung „Staat“ für dieses rechtlich bizarre Gebilde lustig, er bestreitet tatsächlich die Legitimität der näheren Bestimmung „Schurke“.) Nun, solche Begründungen liegen inzwischen in Form zahlreicher Anklageschriften vor. Der Vatikan opfert nachweislich die Sicherheit und das Wohlergehen von Kindern dem, was wir bei echten Staaten „Staatsräson“ nennen.Große Vorbehalte hat Hoerster gegen das „Great Ape Project“ der gbs, das Grundrechte für Menschenaffen fordert. Er schreibt, „Affen und andere Wirbeltiere haben nun einmal nicht das typisch menschliche, in die Zukunft gerichtete Überlebensinteresse.“ Menschen, die sich intensiv mit Menschenaffen beschäftigen, kommen zu ganz anderen Ergebnissen. Aber zumindest würde Hoerster wohl zugeben, dass es sich hier um eine empirische Frage handelt. Für den religiösen Speziesisten, der ihm hier frenetisch applaudiert, ist der Mensch ganz einfach von Gottes Gnaden und ohne jede Empirie etwas Besseres. Interessanterweise argumentiert gerade Hoerster in seinem Buch über die Abtreibung für die „Unhaltbarkeit des Speziesismus“ und begründet diese nicht zuletzt mit der Parallele zum Rassismus. Im Lichte seines nun vorliegenden Artikels frage ich mich, ob sich daran etwas geändert hat.
In seiner Kritik an Michael Schmidt-Salomon polemisiert Hoerster auch gegen dessen Verwendung des Begriffs „nachäffen“. Schmidt-Salomon wendet diesen Begriff allerdings dadurch, dass er ihn auf Menschen bezieht, ironisch und adelt ihn geradezu. Hoerster aber ist darauf bedacht, ihn ganz unironisch in seiner negativen Bedeutung zu belassen. Er müsste es besser wissen. Die Fähigkeit zur Nachahmung ist tatsächlich zentral für die Ausbildung vieler natürlicher und all unserer kulturellen Leistungen.
Eines muss aber auch Hoerster klar sein: Mit der Wiederbelebung des „Great Ape Project“ greift die gbs die naive und arrogante Vorstellung einer Sonderstellung des Menschen im Kosmos an. Es ist von daher das radikalste religionskritische Projekt überhaupt. Verbalattacken gegen den Papst sind dagegen eine Petitesse.
An dieser Stelle steigt Hoerster aus der gbs aus. Auch aus der Religionskritik?
Mag sein, dass der Mensch tatsächlich eine Sonderstellung einnimmt. Aber bislang ist er durch seine überragenden geistigen Fähigkeiten einfach nur der Stärkere. Eine wirklich moralische Überlegenheit kann er erst dann für sich beanspruchen, wenn er die Verantwortung ernst nimmt, die ihm durch seine Machtfülle zukommt. Dazu gehört auch eine philosophisch genaue und klare Analyse der Rechte und Pflichten anderen Spezies gegenüber. Dabei kann Norbert Hoerster helfen. Auch außerhalb der gbs.
Harald Stücker, Evidenz-basierte Ansichten
Dienstag, 15. November 2011
Beim Sterben helfen darf jeder, nur kein Arzt
„Damit auch das Lebensende menschlich bleibt“, so lautete der Titel eines Vortrags von Elke Baezner, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS), den sie auf Einladung des Bundes für Geistesfreiheit (BfG) Erlangen am 9.11.2011 gehalten hat. Die DGHS wurde 1980 aus dem Umfeld des BfG Bayern heraus gegründet.
„Wir haben geholfen!“ Eine solche Kampagne würde sich die DGHS in einer großen Zeitschrift wünschen, ganz analog der legendären Kampagne „Wir haben abgetrieben!“ im Stern 1971. Es sollten sich möglichst viele Ärzte öffentlich dazu bekennen, dass sie Menschen beim Sterben geholfen haben. Eine solche Kampagne würde helfen, die unwürdige Doppelmoral zu beenden, in der wir Erst-Später-Sterbenden es uns bequem gemacht haben. Sie würde das Bewusstsein dafür schärfen, dass ein selbstbestimmtes Sterben in Deutschland oft nur sehr schwer möglich ist. Ebenso wie im Falle der Abtreibung brauchen wir eine umfassende gesetzliche Regelung, um Leid zu verringern, das allererst durch die Verdrängung und Tabuisierung des Themas entsteht.
Es gilt auch, einem grotesken Sterbetourismus in unsere Nachbarländer ein Ende zu bereiten; Länder wie die Niederlande oder die Schweiz, die sich der Aufgabe schon gestellt haben, eine gesetzliche Lösung zu finden. Ein Tourismus übrigens, der noch unzumutbarer, noch entwürdigender und für uns alle noch beschämender ist als der Abtreibungstourismus.
Eine solche gesetzliche Regelung müsste gleichzeitig den vielbeschworenen Missbrauch eines Rechts auf selbstbestimmten Tod effektiv verhindern helfen. Wer das Argument der schiefen Bahn bemüht, wird zugeben müssen, dass eine solche Bahn in einer rechtlichen Grauzone nicht flacher ist.
Frau Baezner betonte, wie wichtig eine detaillierte Patientenverfügung sei. Das Instrument der Patientenverfügung wurde von der DGHS, unter Beteiligung des Bundes für Geistesfreiheit, maßgeblich entwickelt. Formulare für eine Patientenverfügung können auf der Webseite der DGHS heruntergeladen werden (www.dghs.de). Neuerdings bietet die DGHS auch einen Notfallausweis im Scheckkartenformat an. Die Patientenverfügung ist dabei online hinterlegt und kann im Notfall über diesen Notfallausweis vom medizinischen Personal abgerufen werden. Es empfiehlt sich, diesen Ausweis zusammen mit der Krankenversicherungskarte – und eventuell dem Organspendeausweis – bei sich zu tragen.
Es komme zwar immer wieder vor, dass Ärzte eine solche Patientenverfügung ignorieren oder mit den Worten „Das geht mich nichts an“ abtun, aber man sollte wissen, dass sie sich damit strafbar machen. Da Menschen, die im Sterben liegen, sich im Allgemeinen gegen eine solche kriminelle Arroganz nicht wehren können, komme es ganz entscheidend auf den Bevollmächtigten an, der eine solche Patientenverfügung im Ernstfall durchsetzen muss.
Gerade erst hat der Deutsche Ärztetag den Ärzten in Deutschland verboten, Hilfe zum Freitod zu leisten, entgegen geltendem Recht, denn eine solche passive Sterbehilfe ist durchaus erlaubt, weil nämlich Selbsttötung keine Straftat ist und darum auch die Beihilfe dazu nicht. Somit haben wir die absurde Situation, dass jeder beim Sterben helfen darf, es sei denn, es handelt sich um einen Arzt.
Ein Zuhörer, selbst Arzt, wies auf die traurige Tatsache hin, dass es wie immer in der Politik nicht die Besten seien, die ihre Zeit in Gremien verbringen. Die Besten würden in den Krankenhäusern hart arbeiten und alles Menschenmögliche tun. Frau Baezner antwortete, dass das unbenommen sei, aber solange die Funktionäre eben nicht die rechtlichen Rahmenbedingungen schaffen würden, solange sei das Menschenmögliche und Menschenwürdige unter Umständen strafbewehrt. Humanes Sterben sollte aber nicht im Verborgenen stattfinden müssen.
Auf die auch moralphilosophisch interessante Frage, warum sich die DGHS nicht auch für die aktive Sterbehilfe einsetze, die ja für viele Menschen die einzige Möglichkeit für einen menschenwürdigen und schmerzfreien Tod darstellt, warum sie sich also in ihren Forderungen auf die passive bis hin zur indirekten aktiven Sterbehilfe beschränke, antwortete Frau Baezner, dass auch sie hier einen Dammbruch befürchte. Sie befürworte daher ein generelles Verbot, plädiere aber für Straffreiheit in begründeten Ausnahmefällen.
Es scheint trivial, aber dennoch nicht überflüssig, darauf hinzuweisen, dass dieses Thema uns alle angeht, denn wir sind alle Sterbende. Der an Krebs erkrankte Christopher Hitchens wurde einmal in einer Diskussionsrunde gefragt, wie es ihm gehe. „Oh, danke, ich sterbe gerade“, gab er zur Antwort, „aber … Sie auch.“
Harald Stücker
Donnerstag, 8. September 2011
Glaubensdiskriminierung in Bayern?
Was tut ein Bürger, wenn sein Personalausweis in wenigen Wochen abläuft? Richtig: Er geht ins Rathaus und beantragt einen neuen Ausweis. Das sagt ihm das "Gesetz über Personalausweise und den elektronischen Identitätsnachweis - PAuswG"



